Ich möchte hier meine Erfahrungen weitergeben.

Im Jahr 2007 erhielt ich die zweite Führhündin. Ein blonder Labrador, der bei der Übergabe Besonnenheit ausstrahlte, so wie meine erste Führhündin, die ein Golden Retriever Labrador Mix war.

Beschrieben wurde mir die Neue als gemütliche Hündin, doch später stellte sich heraus, dass sie eher ein Sensibelchen war. Von Gemütlichkeit keine Spur mehr.

Die Zeit der Einarbeitung gestaltete sich für mich denn auch nicht gerade einfach. Ich hatte zwei Wochen Training in der Umgebung der Schule. Gleich am ersten Tag durfte die Hündin bei mir bleiben. Die Trainerin zeigte mir vormittags an der Leine einige Hörzeichen aus dem Grundgehorsam, wie Sitz, Fuß, weiter, steh oder kehrt.

Die Mittagszeit verbrachte ich mit der Neuen dann schon allein im Hotelzimmer. Da begann sie herzerweichend zu jaulen. Was in diesem Fall zu tun war, habe ich zunächst nicht gewusst. Ich versuchte einiges auszuprobieren, doch das Jaulen wurde stärker. Nachmittags fand die nächste Einheit mit der Trainerin statt. Ich fragte also, wie ich mich bei solchen Vorkommnissen verhalten müsse. Sie erläuterte mir, ich solle energisch sein und mich durchsetzen.

Nach dem Freilauf und dem Lösen begannen wir mit der Arbeit im Geschirr. Wir liefen wie zuvor auf der Landstraße entlang und übten das Gehen am linken und am rechten Rand. Dabei wirkte die Hündin unkonzentriert und drehte sich häufig nach der Trainerin um. Weil die Hündin sich immer wieder querstellte, trat ich sie aus Versehen. Sie schrie, aber sie ging nun wie eine Eins voran.

Am Abend war ich wieder allein und bekam erneut das Jaulen zu hören. Doch wie sehr ich mich auch bemühte, ob ich die Hündin ignorierte oder ob ich sie tadelte, das Jaulen ging weiter. Irgendwann in der Nacht schliefen wir zwei dann endlich erschöpft ein.

Am folgenden Tag erzählte ich der Trainerin davon und sie meinte, es sei der Trennungsschmerz.

Diese Erklärung schien mir einigermaßen plausibel zu sein, denn zunächst klappte die Zusammenarbeit mit der Hündin besser. Daher wurde der Schwierigkeitsgrad in den Trainingseinheiten immer mehr gesteigert. Wir suchten Geschäfte auf, übten das Überqueren von Straßen mit und ohne Bordsteinkanten sowie das Auffinden von Zebrastreifen und Ampeln. Im Bahnhof selbst trainierten wir das Hoch- und Heruntergehen von Treppen und auf dem Bahnsteig überprüften wir die Abgrundverweigerung.

Um diese Verweigerung zu festigen, führte die Trainerin die Hündin ihrerseits an die Bahnsteigkante heran und lobte sie ausgiebig. Bis dahin war ich mit dem Trainingsverlauf auch zufrieden, denn Anfangsschwierigkeiten waren ja immer möglich.

Zum Wochenende verlagerten wir das Training in eine andere Stadt. Hier übten wir das Gehen über große Plätze und in der Fußgängerzone. Der Bahnhofsvorplatz fiel der Hündin anfangs besonders schwer. Irgendwie kamen wir dort nicht an, wo es die Trainerin gerne gesehen hätte. Erst dann als ich mit der Hündin in einem rechten Winkel über den Vorplatz ging, erreichten wir das gewünschte Ziel.

Das Auffinden von Eingängen zu Passagen war auch darunter. Im Kaufhaus erklommen wir die Treppe zur oberen Etage, legten dort die Hündin ab und die Trainerin zeigte mir die Auslagen. Da die Treppe reichlich zugestellt war, traute sich die Hündin anschließend nicht, mich wieder hinunterzuführen. So drehte sie mit mir im Geschirr mehrere Runden durch das Obergeschoss, bis sie genug Mut hatte, sich zusammen mit mir noch einmal auf die Treppe zu wagen. Dadurch wurde meine Verunsicherung größer und ich geriet immer öfter ins Stolpern. Auch die Hündin wurde zusehens unsicherer und entwickelte langsam ein Meideverhalten, denn sie lief insgesamt nicht mehr so flüssig. Treppen ging sie nur noch Stufe für Stufe hinunter und Bordsteinkanten steuerte sie zögerlich an.

Das Umgehen von Hindernissen funktionierte plötzlich auch nicht mehr. Die Hündin blieb jetzt häufiger stehen, hechelte stark oder überquerte die Straßen schräg. Ein Anzeichen von Stress?

Die Trainerin sagte dazu, ich hielte die Führleine zu kurz und würde die Hündin zu sehr nach rechts ziehen. sie habe somit zu wenig Spielraum, um ihre Umgebung richtig einschätzen zu können. So trainierten wir diese Dinge intensiver, um die Unsicherheit wieder abbauen zu können. Bordsteinkanten zeigte die Hündin danach auch wieder zuverlässiger an.

Im Hotel befand sich eine weitere Führhundhalterin in der Einarbeit. Wir beide hatten unsere Begleiter dabei. Somit erschienen die Trainerin nur zu den Trainingsstunden. Am Sonntag war dann Ruhetag. Wir waren also auf uns selbst gestellt und gingen nachmittags mit unseren Hunden zur Gassiwiese, wo wir die beiden Vierbeiner frei zusammen toben ließen. Bisher hatte das ja problemlos funktioniert. Doch diesmal fand meine Hündin irgendwo in der Nachbarschaft einen Ball und hielt mich damit ziemlich auf Trab. Ich lockte sie mit Leckerchen, aber sie wollte den Ball nicht hergeben und rannte knurrend und bellend damit um uns herum. Sie hatte offenbar begonnen, mich auszutesten. Nach einer Weile ließ die Hündin sich dann doch überzeugen und ich konnte sie anleinen.

Wir gingen gemeinsam zum Hotel zurück. Solch ein Verhalten hatte ich zuvor zwar noch nicht erlebt, redete mir aber ein, die Hündin sei in der Umgewöhnungsphase und dies würde sich mit der Zeit schon geben. Am nächsten Tag sprach die Trainerin mich auf den Vorfall bereits an, ehe ich meinerseits darüber berichten konnte. Offensichtlich hatte sich ein Anwohner vom Lärm gestört gefühlt und die Führhundschule informiert. Leider hatten die Trainerin und ich nicht unsere Handynummern ausgetauscht.

So wurde ich unverhofft vor die Wahl gestellt, mit dem Training weiterzumachen oder es abzubrechen. Ich sah mich jedoch außer Stande, eine objektive Entscheidung zu treffen, weil ich die Hündin ja kaum kannte und eine Niederlage zu diesem Zeitpunkt nicht akzeptieren wollte. Daher wurde die Einarbeit fortgesetzt und die Trainerin kam nun auch morgens und abends zu den Gassirunden. Mein Begleiter hatte jetzt frei. Außerdem erschien der Chef der Schule beim Hotel und übte persönlich mit der Hündin und mir das Apportieren der Bälle.

Obendrein bekam ich die Anweisung, die Kontaktübungen, die ich erst jetzt kennen lernte, mit der Hündin nun zweimal täglich durchzuführen.

Gesundheitlich angeschlagen und inzwischen weniger überzeugt, dass ich mit der Hündin ein gutes Gespann werden könnte, brachte ich die Einarbeitung am Ort der Schule und Zuhause zu Ende, weil ich der Hündin und mir eine Chance geben wollte. Ich legte sogar eine Gespannprüfung ab und der Prüfer sagte hinterher, er habe nur sehen wollen, ob die Hündin die Hörzeichen richtig umsetzen könne, alles Andere müsse sich erst einspielen. Ich wollte es so gerne glauben und nahm die Herausforderung an, doch es war bloß der Anfang einer unendlichen Geschichte.

Tief im Inneren spürte ich schließlich, dass sich zu der Hündin irgendwie keine feste Bindung aufbauen ließ.

Heute möchte ich hier einfach zu bedenken geben, sollten während des Trainings berechtigte Zweifel aufkommen, ob der Hund für einen wirklich der richtige ist, dann sollte man nicht vorschnell eine Entscheidung treffen, sondern sich Zeit nehmen und notfalls auch noch eine Nacht darüber schlafen. Ich würde zumindest heute einiges anders machen.

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